Mimi - eine Liebe auf Zeit

Acht Jahre war sie älter als ich, aber viele Jahre an Erfahrung reicher. Sie war klein, rundlich und anschmiegsam. Ihr sommersprossiges Gesicht strahlte Freundlichkeit aus, es schien, als ob immerzu ein Lächeln darauf läge. Sie liebte Musik, sang selbst gerne mit einer schönen Stimme, am liebsten Leoncavallos »Matinata«, und Tränen traten ihr in die Augen, wenn wir zusammen das »Allerseelen« von Richard Strauss intonierten. »Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, die letzten Astern hol herbei, und laß uns von der Liebe reden, wie einst im Mai, wie einst im Mai.«

Sie hatte eine große erotische Ausstrahlung, und sie war, wie alle Frauen dieser Art, die ich kennenlernte, verschwenderisch großzügig, wie mit ihrer Liebe, so mit Geld und Männern, großzügig in ihrer ganzen Lebenshaltung.

Sie entstammte einer Schaustellerfamilie aus dem Sauerland. Stolz erzählte sie, daß es einer ihrer Brüder zu einem Autoscooter, einer elektrischen Berg- und Talbahn und einer Achterbahn gebracht hatte und somit zum gehobenen Mittelstand der Schausteller zählte.

Ihre anderen Brüder, Onkel und Tanten zogen während der Sommermonate nur mit ein paar Schießbuden, Schiffschaukeln, Kinder- und Kettenkarussells, bestenfalls mit einem nicht gar so großen Russischen Rad zwischen der Ruhr und der Sieg von einem Jahrmarkt zum andern.

Näher kamen wir uns in der kleinen illegalen Gruppe, die sich 1938 zusammenfand und der in den ersten Jahren auch Mama und Papa angehörten, denn ihre jüdische Zelle gab es seit der Kristallnacht nicht mehr, sie hatte sich durch Emigration und einige Verhaftungen von selbst aufgelöst.

Jeder in der Gruppe wußte, wer wir Sengers in Wirklichkeit waren, aber niemand hatte Angst, wir könnten ein zusätzliches Risiko sein. Für mich war das Zusammensein mit politisch Gleichgesinnten kein Abenteuer. Ich empfand es auch nicht als eine zusätzliche Bürde zu der bedrückenden Situation zu Hause. Im Gegenteil, ich hatte außerhalb der Familie Gesinnungsfreunde, Leidensgenossen und fühlte mich in der Gemeinschaft geborgen. Für Stunden durfte ich aus meiner Maskerade herausschlüpfen und konnte ich selbst sein.

Wohl könnte man unsere Gruppe als politische Zelle bezeichnen, aber die Untergrundtätigkeit blieb bescheiden. Unsere Stärke waren feierliche Zusammenkünfte aus besonderen Anlässen, zum 1. Mai beispielsweise, oder zum Gedenken an die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, oder zum 9. November, dem Tag der Russischen Oktoberrevolution. Die Rollen waren klar verteilt: Franz, Mimis Schwager, hielt das politische Referat, dann sprach Mary, seine Frau, mit viel Pathos ein zu dem Ereignis passendes Gedicht von Wladimir Majakowski oder Erich Weinert, und ich las ein eigenes Gedicht. Zum Schluß summten wir zusammen die Internationale, laut singen konnten wir ja nicht, und alle waren tief gerührt.

Ohne großes Risiko waren auch die marxistischen Schulungsabende bei Franz und die Informationsabende in unserer oder Lottes Wohnung; lediglich beim Abhören der deutschsprachigen Sendungen von Radio Moskau hatte ich etwas Herzklopfen.

Aufregung gab es, wenn Franz, was nur in den ersten Jahren geschah, von irgendwoher ein Päckchen erhielt mit Exemplaren einer illegalen Zeitung, die zu verteilen waren, oder wenn ich mit Mimi zusammen abends zwei selbstgefertigte Zettel mit Anti-Hitlerparolen an Laternenpfähle klebte. Das geschah nur hin und wieder. Es kam auch vor, daß wir ein paar Flugblätter in Briefkästen steckten.

 

Als die Verdunklung in den Kriegsjahren das Ankleben von Handzetteln etwas erleichterte, hatte Mimi die Idee, einmal ein etwas größeres Plakat zu malen, auf dem mehr als nur ein kurzer Satz stand. Wir trennten aus einem Schulheft zwei Blätter heraus und bemalten sie mit Hilfe einer extrabreiten Redisfeder und schwarzer Tusche. Außer »Nieder mit Hitler« stand noch jeweils ein anderer Satz darauf. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber der ganze Text war nur so lang, daß man ihn im Vorübergehen lesen konnte, denn vor einem Anti-Hitler-Plakat stehenzubleiben, das wagte kein Mensch. An den vier Ecken befestigten wir Klebestreifen und rollten die beiden Blätter ineinander.

Es war gar nicht so einfach, einen geeigneten Platz zum Ankleben zu finden. Da fiel mir der Ostbahnhof ein, wo jeden Morgen viele Pendler aus den Vororten ankamen, die in dem östlichen Industriegebiet von Frankfurt arbeiteten. Wenn man hier spätabends die zwei kleinen Plakate anschlagen könnte, würden sie von vielen gesehen.

Ich inspizierte Bahnhofsvorplatz und Schalterhalle und fand auch zwei geeignete Stellen, die Seitentür am südlichen Ausgang, durch die man in die Toilettenanlage ging, und einen Holzzaun am nördlichen Nebenausgang. Die Klebeaktion selbst mußte so ablaufen: Beim Hinausgehen aus der Toilette konnte ich in wenigen Sekunden im Aufdrücken der Pendeltür das bereitgehaltene Papier daran befestigen. Dann mußte ich schnell um das Hauptportal herumgehen, das zweite Blatt an den Zaun kleben, wo abends kaum jemand vorbeikam, und, falls noch genügend Zeit war, vier Reißnägel eindrücken. Um halb zwölf, eine halbe Stunde vor Abgang des letzten Zuges, war kein Mensch in der Schalterhalle. Das war die günstigste Zeit.

Alles lief so ab, wie ich es geplant hatte. Ich war sehr aufgeregt, denn ich wußte, wie gefährlich die Geschichte werden konnte. An der Tür klebte schon das eine, am Zaun das zweite Blatt, und niemand hatte mich bemerkt. Aus der Jackentasche kramte ich die Reißnägel.

In diesem Augenblick hörte ich eine Stimme in meinem Rücken: »Was soll das? Was machen Sie da?« Ich drehte mich um. Zwei Bahnpolizisten standen hinter mir. Ich hatte sie nicht kommen hören. Während einer sich nach vorn beugte, um zu lesen, was auf dem Blatt stand, faßte mich der andere am Arm und herrschte mich an:

»Kommen Sie mit!«

Da riß ich mich los, jagte quer über die im Dunkel liegende Grünanlage des Bahnhofsvorplatzes und lief um mein Leben.

Ich weiß nicht, wie lange mich die Bahnpolizisten verfolgten, schaute mich nicht um, rannte immer nur weiter, um noch eine Straßenecke und noch eine. Dann befand ich mich plötzlich in der Habsburger Allee. Es war kurz vor Mitternacht. Zweihundert Meter entfernt, in der Brüder-Grimm-Straße, wohnte Mimi. Wenn ich ihr Haus erreichte, wäre ich gerettet. Zum erstenmal blickte ich hinter mich. Weit und breit war kein Mensch. Ich hatte die Polizisten abgeschüttelt.

Unbehelligt kam ich an das Haus, stieg über das Vorgartentor und gelangte von der Rückseite durch den unverschlossenen Waschkücheneingang in das Treppenhaus. Ich zitterte, als hätte ich Schüttelfrost, und mußte mich auf die Treppe setzen. Nun begannen auch wieder meine Magenschmerzen.

Frau Hermann, bei der Mimi im Mansardenstock zur Untermiete wohnte und die auch mich kannte, öffnete die Flurtür und fragte erschrocken, ob sie mir helfen könne oder Mimi Bescheid geben solle. Ich murmelte etwas von starken Herzbeschwerden und zog mich langsam am Geländer die Treppe hoch.

Mimi legte mir heiße Tücher auf den Bauch und setzte sich zu mir aufs Sofa. Ich wollte ihr erklären, was in der letzten Stunde vorgefallen war, aber sie wehrte ab. »Ruh dich erst aus. Später kannst du mir erzählen, was geschehen ist.«

 

Ich lag auf Mimis Sofa in der Wohnküche und hatte gar keine heldischen Gefühle. Es war einfach dumm, mit solchen nichts bewirkenden Heldentaten unser aller Leben aufs Spiel zu setzen. Aber was trieb mich, den Helden zu spielen? So paradox es sich anhören mag: es war nichts als Feigheit. Ich war zu feige, nein zu sagen, wenn Mimi meinte, es müsse wieder einmal etwas getan werden, damit die Bevölkerung sehe, daß es in Deutschland noch Kommunisten und Antifaschisten und einen Widerstand gegen Hitler gebe. Ich war zu feige, nein zu sagen, obwohl ich die Sinnlosigkeit solchen Tuns auch damals schon deutlich empfand und das traurige Schicksal einer Reihe politischer Freunde unserer Familie kannte, die zum großen Teil wegen Lappalien für Jahre ins Zuchthaus oder ins Konzentrationslager geschafft wurden; viele von ihnen kamen nie mehr zurück.

Es gibt noch, glaube ich, einen zweiten Grund, weshalb ich damals mit so viel Angst den Helden spielte: es war ein Aufbegehren gegen Mama. Sie hatte mir jahrelang eingehämmert, die einzige Chance zum Überleben sei Schweigen, Sich-Ducken, nichts tun. So hat sie, aus Angst vor dem Entlarvt-werden, die ganze Familie zu Feiglingen gemacht, die, um nur nicht bemerkt, nicht erkannt zu werden, am liebsten in sich selbst hineingekrochen oder vor sich selbst davongelaufen wären.

 

Wenn ich an unsere illegale Zelle denke, steht mir zuerst Mimi vor Augen. Sie war für mich der wichtigste Teil der Gruppe. Ohne sie wäre mir die Arbeit im Untergrund vielleicht nicht interessant genug gewesen, ohne sie wäre ich ein noch schlechterer oder gar kein Widerständler geworden. Sie gab mir einen Halt und meinem Tun einen gewissen Sinn. Und zudem war die Zeit mit Mimi eine schöne Zeit und eine wichtige Wegstrecke in meinem Leben.

Wir waren schon länger gemeinsam in der Gruppe tätig, als ich das erste Mal mit ihr schlief. Sie war damals achtundzwanzig Jahre alt und ich zwanzig. Sie kannte meine Schwierigkeiten und half mir, sie zu überwinden. Daß ich vieles aufholen konnte, was ich durch Mamas Ängstlichkeit bisher versäumt hatte, habe ich ihr zu verdanken.

Mit einigen Unterbrechungen war ich mit Mimi bis zum Kriegsende zusammen. Unsere illegale Gruppe hatte bereits im Spätsommer 1944 wegen Einberufungen zum Kriegsdienst, wegen der Flucht aus dem zerbombten Frankfurt und Dienstverpflichtungen nach außerhalb aufgehört zu existieren. Wir machten uns oft über unsere Zukunft Gedanken. Mimi sprach von einem Verhältnis auf Zeit, von einer Vernunftehe. Wenn wir beide wieder aus der politischen Versenkung auftauchen konnten, so vereinbarten wir, sollte jeder über seinen weiteren Lebensweg frei entscheiden.

Wir mochten uns sehr, ob wir uns liebten, weiß ich nicht, obwohl ich eifersüchtig war, wenn Mimi sich noch mit anderen Männern einließ, was häufiger geschah, und Mimi war sehr traurig über meine Affäre mit Ionka, einer bulgarischen Studentin. Zeitweise waren wir glücklich miteinander, besonders dann, wenn wir zusammen auf Reisen gingen. Wir reisten beide gern.

In einer solchen Zeit des Glücklichseins geschah etwas, das um ein Haar zu meiner Entlarvung geführt und damit auch Mimi in größte Schwierigkeiten gebracht hätte. Ich war allein daran schuld, hatte so sträflich leichtsinnig gehandelt, daß ich es später selbst nicht mehr verstehen konnte.

Glück macht geschwätzig, vertrauensselig und leichtsinnig, ich habe es immer wieder erlebt, mit Mimi, mit Rosa und auch mit Ionka.

 

Verbissen stemmte sich Mama gegen mein Verhältnis mit Mimi. Sie verteufelte und verfluchte sie, wann immer sie konnte, und ließ keine Gelegenheit verstreichen, um mir Vorwürfe zu machen und mich als einen Narren, einen Hanswurst in den Armen einer durchtriebenen Schickse darzustellen.

In dieser Spannung fuhren meine Schwester Paula und ich im Spätsommer 1944 mit Mama in den Schwarzwald, wo sie Erleichterung und Besserung für ihr krankes Herz erhoffte.

Mit Mimi hatte ich verabredet, daß ich nach einigen Tagen Mama verlassen und mich mit ihr in Hinterzarten treffen würde. Als ich Mama sagte, ich wolle noch einige Tage allein durch den Schwarzwald wandern, spürte sie instinktiv, daß Mimi dabei im Spiel war. »Geh nur«, sagte sie bitter, »ich brauche dich nicht.«

Trotzdem fuhr ich davon, aber das schlechte Gewissen verdarb mir die Freude am Zusammensein mit Mimi. Vergeblich war ihr Bemühen, mich von meinen trüben Gedanken abzubringen. Da schlug sie vor, wir sollten aus Hinterzarten wegfahren, das mit älteren Kurgästen, vor allem aber mit verwundeten Soldaten überfüllt war, und einen Abstecher an den Bodensee machen. Noch am gleichen Tag reisten wir ab.

Ich wußte, daß es Ausländern während des Krieges verboten war, sich der Grenze auf weniger als zehn Kilometer zu nähern. Nach meinem Paß war ich Ausländer. Das Grenzsperrgebiet wurde besonders scharf kontrolliert. Ich bedachte nicht, daß wir auf dem Weg vom Schwarzwald zum Bodensee dieses Sperrgebiet passieren mußten. Es wäre möglicherweise alles gut gegangen, wenn Mimi nicht den Einfall gehabt hätte, in Singen Station zu machen und den Hohentwiel zu besteigen.

Wir verließen also in Singen den Zug und quartierten uns im Hotel »Sternen« in der Nähe des Bahnhofs ein. Mir war nicht bekannt, daß das Grenzgebiet zur Schweiz zwischen Tengen und dem Bodensee, zu dem auch Singen gehörte, wegen des unübersichtlichen Grenzverlaufs von illegalen Grenzgängern bevorzugt wurde und darum unter verschärfter polizeilicher Kontrolle stand. So machte ich mir auch keine Gedanken, als ich bei der Hotelrezeption meinen Fremdenpaß vorlegte.

Wie damals nicht anders möglich, nahmen wir zwei Einzelzimmer. Sie lagen zwar auf dem gleichen Gang, aber doch recht weit voneinander entfernt. Ordnungsgemäß füllten wir die Anmeldeformulare aus und wurden nicht mißtrauisch, als uns der Empfangschef erklärte, er müsse unsere Ausweise für die Anmeldung bei der Polizei einbehalten. Natürlich achteten wir auch nicht darauf, welches Zimmer auf Mimis und welches auf meinen Namen eingeschrieben wurde.

Es war lange nach Mitternacht, als ich Mimi verließ, leise über den Gang huschte und mich in das andere Zimmer begab. Ich war noch nicht eingeschlafen, als ich Lärm auf dem Gang hörte. Jemand schlug gegen eine Tür und rief: »Aufmachen! Polizei!«

Ich wagte nicht, nach draußen zu schauen.

Eine Tür wurde geschlossen, dann war wieder Stille. Ich überlegte, ob das Mimis Zimmertür gewesen sein könnte. Aber was mochte die Polizei von ihr wollen? Ich war in großer Unruhe und wartete, daß die Polizisten wieder gehen würden. Da wurde es auf dem Gang laut. Jetzt hämmerten Fäuste gegen meine Tür. Schnell knipste ich das Licht an und öffnete. Gleich drei Männer standen im Türrahmen, einer in Uniform.

»Polizei. Sind Sie Herr Valentin Senger?« »Ja, der bin ich.«

»Dann ziehen Sie sich an. Wir müssen Sie mitnehmen.«

 

Mit meinem Fremdenpaß hatte ich den Verdacht des Portiers im »Sternen« erregt, und er meldete meine Anwesenheit im Hotel der örtlichen Polizei. Diese wiederum hatte bei der Gestapo in Konstanz Alarm geschlagen. Zwei Gestapomänner waren unverzüglich nach Singen gefahren. Zusammen mit einem Singener Polizisten machten sie sich auf den Weg ins Hotel »Sternen«. Man hatte ihnen meine Zimmernummer genannt, und zu dritt waren sie gekommen, mich dingfest zu machen. Aber in meinem Zimmer schlief Mimi.

Erschrocken war sie aus dem Bett gesprungen, als man gegen ihre Tür donnerte. Sie öffnete und blickte in drei überraschte Gesichter, denn die Polizisten hatten nicht damit gerechnet, daß eine Frau ihnen öffnen könnte. Sie glaubten, ich würde mich irgendwo verstecken, schoben Mimi zur Seite und durchsuchten das Zimmer, hoben die Bettdecke auf, schauten unters Bett, in den Schrank und in die Waschnische. Dann erst fragte einer, ob Mimi allein sei, was sie mit gutem Gewissen bejahte. Endlich nannten sie ihr meinen Namen, und die Zimmerverwechslung klärte sich auf.

 

Während ich mich noch anzog, wandte sich einer der Geheimpolizisten an Mimi, die in ihrer halb geöffneten Tür stand, und befahl ihr: »Sie kommen auch mit.«

Zuerst brachte man uns zur örtlichen Polizeiwache. Eine Stunde später mit dem Auto nach Konstanz zum Gestapoquartier. In getrennten Zimmern mußten wir dort auf unsere Vernehmung warten. Es war noch sehr früh, etwa sechs Uhr. Um acht Uhr holte man zuerst Mimi zum Verhör. Sie wurde gefragt, warum wir in das Grenzgebiet gefahren seien. Man glaubte ihr nicht, daß es ihre Idee gewesen sei, in Singen zu übernachten. Man vermutete, daß Mimi mir behilflich sein sollte, unauffällig über die Schweizer Grenze zu gelangen.

Die Vernehmungsbeamten wollten unbedingt den Namen des Komplizen wissen und ließen nicht locker, denn ohne einen erfahrenen Grenzgänger war es nicht möglich, unbemerkt die grüne Grenze zu überschreiten.

Gegen neun Uhr holten sie mich. Ich mußte meinen Koffer mitnehmen und ihn auf einen Tisch stellen. Zwei Beamte durchwühlten ihn, nahmen jedes einzelne Stück in die Hände und klopften die Kofferdeckel ab. Dann mußte ich mich an eine Schmalseite des Schreibtisches stellen, und ein Beamter betastete mich von oben bis unten. Ich hatte große Angst, er könnte mir die Hosen öffnen. Doch das tat er nicht.

Danach begann das Verhör. Die Gestapomänner wollten wissen, was ich in Singen zu suchen gehabt hätte, mit wem wir uns hätten treffen wollen und ob mir die Ausländerbestimmungen im Grenzgebiet nicht bekannt seien. Meine Antworten schienen ihnen nicht zu genügen. Sie wurden bissiger, ungeduldiger, wollten, so vermutete ich, unbedingt einen Spion entlarven, was für sie auch zweifellos interessanter gewesen wäre, als sich mit einem Irrläufer im militärischen Sperrgebiet zu befassen.

Der Vernehmungsbeamte schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte wütend: »Schluß mit dem dummen Gequatsche. Nun mal raus mit der Sprache! Wir haben keine Lust, uns mit Ihnen bis übermorgen zu unterhalten.«

Da ich ihm aber den Gefallen nicht tun konnte und bei meinen Aussagen blieb, daß ich nur aus Unbedachtheit so nahe an die Grenze gekommen sei, brachten sie mich schließlich ins Wartezimmer zurück und verschlossen es.

Zwei Stunden später holten sie mich wieder. Die Vernehmungsbeamten hatten sich in der Zwischenzeit Informationen aus Frankfurt beschafft. Sie kannten Einzelheiten meiner Familie, wußten, wo und was ich arbeitete. Trotzdem merkte ich, da es keine neuen Fragen gab, daß sich ihr Verdacht nicht verstärkt hatte. Nicht einmal wegen meiner russischen Herkunft waren sie mißtrauisch.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Einer der Gestapoleute ging nach draußen und kam kurze Zeit später mit einem Mann mittleren Alters herein, der nervös und unsicher wirkte.

»Kennst du den?« fragte der Gestapomann und deutete auf mich.

Der Fremde musterte mich einen Augenblick und sagte bestimmt: »Nein.«

»Schau ihn dir genau an.« »Ich kenne ihn nicht. Nein.«

Der Beamte, der den Mann hereingebracht hatte, faßte ihn am Arm und führte ihn wieder hinaus. Was die Gestapo mit dieser Gegenüberstellung erreichen wollte, war mir nicht klar.

Nun endlich durfte ich gehen. Ich erhielt meinen Paß zurück und die strikte Anweisung, mit dem nächsten Zug das Grenzgebiet zu verlassen.

Draußen auf dem Gang wartete schon Mimi. Wir schauten uns an und dachten beide dasselbe: Wie konnten wir nur so unvorsichtig sein!

Es langte mir wohl nicht, Jude, russischer Jude und Kommunist und staatenlos zu sein, einen falschen Namen und einen jidelnden Papa mit einem falschen Paß zu haben, in einer illegalen politischen Gruppe zu arbeiten. Ich mußte auch noch, nur weil es mir Spaß machte oder weil es Mimi Spaß machte, in das Grenzgebiet fahren, damit mich die Gestapo schnappen und in so gefährlicher Weise ausfragen konnte.

Eine halbe Stunde später saßen wir im Zug nach Tuttlingen. Die Strecke führte wieder über Singen. Und prompt wurden wir auf der Station Radolfzell von einem Grenzpolizisten kontrolliert, der pflichtgemäß an meinem Fremdenpaß Anstoß nahm und ihn gleich in die Tasche steckte. Freundlich sagte er, es täte ihm leid, aber in Singen müßten wir den Zug verlassen. Er werde sich dort erkundigen, ob meine Angaben stimmten.

Da saßen wir also wieder in Singen. Diesmal in der Amtsstube der Bahnpolizei. Dort drüben, zweihundert Meter weiter, lag das Hotel »Sternen«, so normal, so friedlich, als sei in den letzten zehn Stunden nichts passiert. Im Hintergrund reckte sich der Hohentwiel in die Höhe. Ich habe ihn bis heute nicht bestiegen.

Der Grenzpolizist telefonierte erst mit der örtlichen Polizeistelle, dann mit der Gestapo in Konstanz. Er lächelte mich an, klatschte sich mit meinem Paß auf die flache Hand und gab ihn mir zurück. »Alles in Ordnung. Sehen Sie zu, daß Sie hier schnellstens verschwinden.«

Wir nahmen den nächsten Zug. Der Abschied von Singen fiel uns nicht schwer.

 

Du hast Mimi unrecht getan, Mama, wenn du weinend mich verflucht und Mimi eine Hure genannt hast. Das war sie nicht. Aber sie war die erste Frau, die Anspruch auf deinen Sohn Walja erhob, und sie war eine Schickse. Trotz deiner politischen Aufgeklärtheit, deiner Abkehr vom orthodoxen Judentum und der strikten Verurteilung aller rassischen Vorbehalte - bei Mimi hat es eine wichtige Rolle gespielt, daß sie keine von unseren Leuten war. Eine Schickse ist ja nicht nur eine Nicht-Jüdin, sie steht, ohne daß man darüber ein Wort zu verlieren braucht, unserer jüdischen Arroganz entsprechend, eine Rangstufe unter uns.

Und da war noch die verzweifelte Angst, mit der du jeden Eindringling in unsere Familie als einen Feind empfunden hast, der abgewehrt werden mußte. Angst macht starr und steif, macht zittern und sabbern, stottern und stammeln, macht impotent und denkunfähig, Angst macht Gerechte zu Lügnern und Getreue zu Verrätern. Diese Angst hat dein Verhältnis zu Mimi geprägt und dich ungerecht werden lassen.

Als später amerikanische Flugzeuge die Frankfurter Innenstadt zerbombten und auch die linke Hinterhaushälfte in der Kaiserhof Straße 12 ein Trümmerhaufen wurde - unsere Wohnung lag in der rechten Hälfte -, da bist du mit der ganzen Familie in den Rodgau nach Jügesheim geflohen und in Mimis Notwohnung untergeschlüpft. Und Mimi nahm uns alle auf.

 

Kaiserhof Strasse 12
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